Seite wählen

 „An der Verkehrswende lässt sich gut zeigen, wie soziale Themen und Umweltgerechtigkeit zusammenhängen.“

 

Ein Interview mit Moritz Engbers von Social2Mobility

Portrait Moritz Engbers von Social2Mobility

Wer seid Ihr und was macht Ihr?

Ich bin Geograf und Nachhaltigkeitswissenschaftler und koordiniere das Projekt Social2Mobility für die Region Hannover. In Social2Mobility beschäftigen wir uns auf wissenschaftliche und praktische Weise mit dem Zusammenhang von Mobilität und sozialer Teilhabe. Insbesondere Menschen, die von Armut bedroht sind, sind in der Wahl von Wohnort, Arbeitsplatz, Einkaufsgelegenheiten, Freizeitgestaltung, die Schule für die Kinder, Kontaktpflege und politischer Beteiligung eingeschränkt. In diesem Zusammenhang sprechen wir von Mobilitätsarmut. Dazu entwickeln wir Maßnahmen in Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen, der Stadt Ronnenberg, Betroffenen und Vereinen, um mehr Mobilität und soziale Teilhabe zu ermöglichen. Im Projektteam sind neben der Region Hannover auch die Universitäten Kassel und Frankfurt am Main und das Ingenieurbüro WVI aus Braunschweig beteiligt.

In welcher Rolle seht Ihr Euch?

Zum einen sind wir ein Forschungsprojekt. Wir wollen durch Interviews, Haushaltsbefragungen und Modellierungen die Situation von armutsbedrohten Menschen im Hinblick auf Mobilität und soziale Teilhabe besser verstehen. Zum anderen sind wir ein Praxisprojekt, in dem es darum geht, Maßnahmen, politische Vorschläge und Kooperationen zu entwickeln, die auch langfristig in der Region Hannover umgesetzt werden.

Wie verbindet Ihr soziale Themen und Umweltgerechtigkeit?

Beide Themen hängen für uns eng miteinander zusammen: Menschen mit geringem Einkommen wohnen eher an stark befahrenen Straßen, weil die Mieten dort niedriger sind. Sie sind also stärker von Lärm, Abgasen und Unfallgefahren betroffen, obwohl sie weniger dazu beitragen. Ein weiteres Beispiel ist die Verkehrswende, bei der es um einen Umstieg von Pkws auf Fahrrad- und Fußverkehr sowie Bus und Bahn geht. Wir haben herausgefunden, dass Kinder aus ärmeren Haushalten später Fahrradfahren lernen und seltener Rad fahren. Hier sollte also frühzeitig angesetzt werden, damit die Kinder auch als Erwachsene im Alltag mobil sein können.

Wie sieht’s mit Diversität und Vielfalt in Euren Teams aus?

Was die Diversität im Team ausmacht sind wohl unsere vielen fachlichen Hintergründe: Von Verkehrsplanung und -sozialplanung über Mobilitäts- und Nachhaltigkeitsforschung bis hin zu Sozialwissenschaften. Das ist herausfordernd, weil wir alle unterschiedliche (Fach-)Sprachen sprechen, aber dafür zugleich sehr bereichernd. Über Kooperationen, Interviews und Befragungen beziehen wir Betroffene und Mitarbeitende von sozialen Einrichtungen in unser Projekt ein.

Wie kann mit Euch kooperiert werden?

Für unsere nächste Projektphase, in der es um die Umsetzung von Maßnahmen zur Fahrradmobilität geht, wollen wir zum einen mit sozialen Initiativen kooperieren, die daran interessiert sind, Fahrradmobilität als Thema aufzugreifen. Wir suchen zum anderen Fahrradinitiativen, die einen größeren Bezug zu Menschen mit geringem Einkommen und dem Thema soziale Gerechtigkeit herstellen möchten.

Gibt’s noch etwas, was Du sagen möchtest?

Ich würde mir wünschen, dass Verkehr und Mobilität stärker in Hinblick auf die Bedürfnisse der gesamten Bevölkerung gestaltet werden. Ich bin davon überzeugt: Städte und Regionen, die für Kinder und ältere Menschen lebenswert sind, sind letztendlich auch für alle anderen lebenswert.

 

„Social2Mobility“ findest Du unter der Nummer 210.